Textatelier
BLOG vom: 09.08.2012

Savoyen 4: St-Gervais, gastfreundliche Mont-Blanc-Exklave

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Die grossen Berge spiegeln den Wert der Menschen wider,
die sich an ihnen messen.“
Walter Bonatti
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Ein modernes Zeichen von Gastfreundschaft ist das Anbieten von Gratisparkplätzen. So steht bei der Einfahrt von Saint-Gervais-les-Bains (kurz: St-Gervais) in Haute-Savoie auf einer auffälligen Hinweistafel am Dorfeingang, im Ort gebe es 300 Gratisparkplätze. Wenn ich diese Geste lobe, geht es mir nicht um die Einsparung von ein paar ohnehin zerfallender Euros, sondern um das Gefühl, dass ich hier willkommen sei und nicht geschröpft werde, was sich bei meinem Aufenthalt in diesem alten Badekurort mit dem mondänen Glanz aus der Zeit der Belle Epoque rundum bestätigte.
 
Unsere Savoyen-Reise führte uns am 27.07.2012 von Chamonix, wo ein Ende des Mont-Blanc-Tunnels ist, nicht etwa in dieses Loch, sondern via Les Houches (mit der 25 m hohen Christus-Statue nach Rio-de-Janeiro-Vorbild) und Servoz, der Arve folgend, nach St-Gervais (5700 Einwohner), eine gute halbe Stunde im Auto (25 km). Eine Landschaft mit Felsen (Rochers du Boche) und Schluchten (Gorges de l’Arve), und bei Chedde leitet ein riesiger Viadukt in die industrialisierte Welt hinüber. Von der Peripherie von Passy steigt die Strasse etwa 5 km hinauf zum Bade- und Wintersportort St-Gervais an, dessen Bedeutung schwer unterschätzt wird. Denn der Mont-Blanc-Gipfel gehört zu dieser Gemeinde.
 
Wem gehört der Mont-Blanc?
Der Grenzverlauf auf Europas Spitze war schon immer umstritten – wer möchte nicht den höchsten Berg unseres Kontinents dem eigenen Territorium zugeschlagen haben? Wenn die Finanzklemme noch grösser wird, könnte man ihn noch an Privatinvestoren verkaufen, privatisieren. Dementsprechend sprach der Präfekt des Départements Haute-Savoie am 21.09.1946 ein Machtwort. Er verfügte kraft seines Amts, der ganze Gipfel befinde sich auf französischem Hoheitsgebiet, wie zu erwarten war. Das etwa 15 Hektar umfassende, vergletscherte Gipfelgebiet wurde zur Exklave von St-Gervais erklärt, und der Rest des Bergs wurde Chamonix zugeschlagen. Oder ist vielleicht St-Gervais eine Exklave des Mont-Blanc?
 
Ich habe mir die offizielle Topografie- und Ausflugskarte (Carte de Randonné) 1:25 000 („St-Gervais-les-Bains. Massiv du Mont Blanc“) des Nationalen Geografischen Instituts (www.ign.fr) beschafft. Doch sind darin keine Gemeindegrenzen eingezeichnet, sondern eben vor allem Ausflugsrouten und Strassen. Um den Verlauf der Landesgrenze kamen die Geografen gleichwohl nicht herum, und diese Grenze zu Italien rahmt den Gipfelbereich zugunsten Frankreichs ein; Italien ist etwas zurückgedrängt. Und – das ist der Gipfel – das Schneefeld südlich der Mont-Blanc-Spitze ist auf der erwähnten Landeskarte mit „Commune de St-Gervais-les-Bains“ beschriftet. Auf der Pariser Friedenskonferenz 1946, die sich auch Grenzverläufen annahm, kümmerte sich niemand um den Mont-Blanc, so dass die Idee des Präfekten als perfekt angesehen wird. Schliesslich gehörte Frankreich zu den Siegermächten des 2. Weltkriegs. Viele Denkmäler im Lande gedenken der wehrhaften Opfer, auch jenem aus dem 1. Weltkrieg.
 
Das mit den Bergen verbundene Dorf
Kehren wir nach diesem virtuellen Ausflug ins Dorf Saint-Gervais mit den alten Strassenlaternen, dem üppigen Blumenschmuck vor allem aus rot bis purpurfarbig aufschäumenden Hortensien und den kunstvollen, schmiedeisernen Balkongeländern an den romantisierenden Fassaden zurück, die meistens in dezenten Lilatönen gehalten sind. Den Toyota Prius III hatten wir in der öffentlichen, mehrstöckigen Garage gebührenfrei versorgt, wo genügend Platz für ein gefahrloses Zirkulieren ist und man infolgedessen nicht ständig Betonsäulen und Karosserien zerkratzt.
 
Direkt oberhalb dieser Garage sind die Esplanade Marie Paradis und ein neuzeitlicher Ausstellungsraum, in dem der offensichtlich talentierte Gebirgsfotograf Bernard Tartinville (www.bernardtartinville.com) Fotografien aus dem Mont-Blanc-Gebiet mit dessen Nadeln, Kämmen, Spalten, Höhen- und Tiefpunkten sowie den wechselnden Stimmungen zeigt. Und an der Promenade du Mont-Blanc doppelt der Fotograf Pascal Tournaire (www.pascla-tournaire.com) mit weiteren exzellenten Bildern nach. Die Fotos und das Dorf sind der gemeinsame Ausdruck einer Liebesgeschichte mit den Bergen als Partner, wie sie die Bewohner von St-Gervais seit je fortspinnen. Die Ursprünglichkeit bleibt bei Menschen und bei der Natur ein unverrückbarer wert. Sie fühlen sich als ein Herz und eine Seele, eine unzertrennliche Beziehung, Solidarität.
 
Das schwefelhaltige Thermalwasser wird in der Badeanlage im grossen Kurpark noch heute auf zeitgemässe Weise genutzt und soll hoffentlich Arthritis und dermatologischen Übeln (Hautkrankheiten) den Garaus machen. Die Gemeinde blüht, ist lebenserfüllt. Ein neuer Viadukt mit einer unglaublichen Spannweite als Verbindung der Strassen RD902 und RD909 ist in der Endphase: ein Bauarbeiter polierte noch am nur leicht gekrümmten Tragbogen.
 
Die barocke Kirche Saint-Nicolas-de-Véroce hat einen um 45 Grad abgedrehten Turm, und gleich daneben ist ein öffentlicher Garten. Von hier aus sieht man den unteren Teil des Montjoiettals (deutsch: Mundgau = Grenzposten) und viele Einrichtungen für den Wintersport wie einen direkten Liftanschluss zur Skischaukel mit Megève und Combloux–La Giettaz.
 
Anfall von Hektik
Eva hatte mir bereits den Weg zum nahen Tourismusbüro an die 43 rue du Mont-Blanc geebnet – sie kennt meine nicht zu stillenden Informationsbedürfnisse. Das Büro befindet sich ganz in der Nähe des mit einem Spitztürmchen geschmückten Hôtel de Ville, das nirgends ein Hotel, sondern immer das Rathaus ist.
 
Im Office de Tourisme (www.saintgervais.com) im „Maison de Saint-Gervais“ erkundigten wir uns nach dem „Tramway du Mont-Blance“, eine Zahnradbahn, von der ich im „Walter-Reiseführer Savoyen“ (Seite 288) gelesen hatte, die Bahn fahre zum Nid d’Aigle (2386 m) am Fuss des Bionnassy-Gletschers – „eine Fahrt, die uns die Natur in kaum beschreibbarer Weise nahebringt“. Die Fahrt sei wirklich sehr empfehlenswert, bestätigte die Tourismusfachfrau mit französischer Anmut. Doch die nächst Bahn fahre sogleich in 10 Minuten (um 10:20 Uhr) – und die übernächste erst wieder um 11:40 Uhr – der Bahnhof sei in knapp 10 Minuten zu erreichten. Wir spurten in der angegebenen Richtung wie abgetakelte Marathonläufer wild drauflos, verrannten uns in der Aufregung irgendwie noch, fanden aber das Zahnradbahngeleise und rasten auf dem Trasse wie verirrte Hühner dem kleinen Bahnhof zu, auf einem verbotenen Weg. Wir schafften es knapp; sogar die Billets konnten wir noch lösen. Die nachfolgend Fahrt hat tatsächlich ein eigenes Blog verdient.
 
Verpasst habe ich leider einen Besuch in Passy (Assy), eine Nachbargemeinde von St-Gervais. Erst zu spät habe ich von einem Bekannten erfahren, dass es dort eine wirklich sehenswerte Dorfkirche gibt, die sich von den standardisierten Gotteshäusern hinsichtlich ihrer Ausstattung angenehm abhebt. Die berühmte Kirche Notre-Dame-de-Toute-Grâce in Assy wurde 1937 bis 1945 erbaut. Darin gibt es nicht die üblichen biblischen Verherrlichungs- und Brutaloszenen, sondern das Innere wurde von berühmten Künstlern wie Fernand Léger, André Lurçat, Jean Bazaine, Georgess Rouault und Marc Chagall gestaltet. Das Kalkplateau der Plan d’Assy wäre wegen der Kasterscheinungen wie Karrenfelder sehenswert gewesen.
 
„Le Sérac“
So beschränke ich mich hier auf den Bericht darüber, was nach unserer frühabendlichen Rückkehr nach St-Gervais geschah. In weiser Voraussicht, dass wir hier zu etwas Futter kommen müssten, hatte ich mir bei der Planung der Savoyen-Reise das Gasthaus „Le Sérac“ als sicheren gastronomischen Wert notiert. Und sogleich fiel mir im Dorfzentrum die plakative Schrift „Séracgourmet“ (Boutique Traiteur) auf, wo wir uns an einem Glacéewagen gütlich taten. Früchtesorbets in allen Regenbogenfarben schienen auf geheimnisvolle Art die furchtbare Kälte des Mont-Blanc-Eismeers mit dem tiefen, fruchtbaren Unterland Hoch-Savoyens verschmolzen zu haben. Wir waren uns einig darüber, dass nicht nur festliche Gebirgspanoramen und Dörfer mit dem Reiz altüberlieferten Kurbetriebs, der immer auch Lebensfrohmut einbezog, sondern auch lukullische Freuden dem Dasein einen nachhaltigen Sinn vermitteln.
 
Der Name Sérac, der für einen Turm aus Gletschereis steht, die sich an Treffpunkten von Längs- und Querdehnungen entstehen, hatte es uns angetan. Und ich fand ihn ganz in der Nähe wieder, an der 22 rue de la Comptesse. Comptessen (Gräfinnen) haben gewiss auch gern gegessen, ansonsten der Wortbestandteil „essen“ ja aus ihrer französischen Berufsbezeichnung ausradiert worden wäre.
 
Der Restaurant-Eingang http://www.serac-restaurant.com/serac-restaurant.html unter einem senkrecht halbierten Halbrund aus grau eingefärbtem Aluminium bildet das Ende einer zusammengebauten Häuserfront an einer Hangkante. Wir traten ebenso erwartungsfroh wie hungrig ein und befanden uns in einem gepflegten, stilvollen Essraum mit Blick zur Chaîne des Aravis. Stéphanie Le Mancq empfing uns mit einer ausgesprochenen Herzlichkeit und begleitete uns zum Tischchen an bester Aussichtslage, obschon wir uns nicht angemeldet hatten. Was auch immer wir zu bestellen wagten, gab uns die Chefin das Gefühl, unsere Wahl sei der letzte Beweis für eine grosse Kennerschaft sei.
 
Der weinrötliche Incamat (man entschuldige diesen Farbpleonasmus) als Apéro gefiel uns. Und als ob unser Mund noch weiterer Amüsements bedurft hätte, wurde zuerst ein dreiteiliges Amuse-Geule, eine Gaumenfreude, aufgetragen: Mini-Ravioli in einem Gläschen mit rahmiger, frischkäsiger Sauce, ein Würfel Gelée mit Tomaten und Basilikum und ein kleines Stück durchmariniertes Rindfleisch, kraft- und saftvoll. Das eigentliche „Menu Marché“ leitete die Gazpacho mit Crème und Zitronensorbet bzw. eine Ententerrine ein. Das nachfolgende Entrecôte war punktgenau gebraten und der Jus zu einer runden Sauce mit einer Spur von Heidelbeeraroma hochstilisiert. Das mit Rahm durchtränkte Kartoffelpüree war das geeignete Abrundungsmittel. Ich schlürfte, schmatzte, wie es sich bei solchen Gelegenheiten gehört. Ganz gross waren der Brie mit geraffelten schwarzen Trüffelscheiben und der Reblochon, eine Savoyer Spezialität aus nachgemolkener Milch, mit geraspelten Nüssen und wenig Öl.
 
Der Koch Raphaël Le Mancq durfte sich guten Gewissens zeigen. Elodie Buvat erwies sich als eine liebenswürdige Serviererin, voller Aufmerksamkeit und Geduld mit diesen kuriosen Gästen. Die überraschend bescheidene Rechnung, die mit Einschluss von einem halben Liter einheimischem Wein und einer Flasche Mineralwasser auf 102 Euro für beide lautete, verlangte geradezu nach einer Aufrundung.
 
Unter dem Glockenturm
Um nicht im Freien übernachten zu müssen, hatten wir uns vor dem Abendessen ein einfaches Zimmer in „La Maison Blanc“ an der 64 rue du Vieux Pont direkt unter der Kirche gesichert. Das Opulenteste am Weissen Haus, in dem kein kriegslüsterner Präsident sein Unwesen treibt, ist die Eingangspartie, ein Lichtblick die strahlende Madame Satonay, die uns wie Familienmitglieder aufnahm.
 
Für das Doppelbett und ein einfaches Frühstück zahlten wir 90 Euro, ein angemessener Preis. Einen Parkplatz gab es nicht, und das Auto blieb in der Gemeindegarage.
 
In dieser Herberge schliefen wir gut, da die Kirchenglocken, die wir aus dem Zimmerfenster von unten einsehen konnten, ebenfalls die Nachtruhe pflegten. Beim Betrachten der Kirchenglocken aus der Froschperspektive kam ich mir wie im Roman von Thomas Hürlimann („Fräulein Stark“) vor. Das dort beschriebene Büblein musste den Besucherinnen der Stiftsbibliothek St. Gallen Filzpantoffeln anziehen helfen, und es wagte gelegentlich einen Blick in die Unterwäschewelt der Damen.
 
Doch bei uns ging alles züchtiger zu, Ehrenwort. Wir liessen den Tag Revue passieren. Die Hochgebirgswelt hatte unsere Schaulust-Bedürfnisse weniger im sexuellen als vielmehr im hochgebirgslandschaftlichen Sektor zufriedengestellt. Sogar musikalisch waren wir abends um 22 Uhr noch auf die Rechnung gekommen. Auf dem Dorfplatz spielte die Harmonie-Musik St-Gervais. Wir erlebten gerade noch das Schlussstück, die Intonierung und den Gesang vom „Griechischen Wein“, diesmal ohne Udo Jürgens. An der Klarinette gab ein Grieche, wie ich vermute, sein Bestes, und er geriet beinahe in Ekstase, vermischt mit offensichtlicher Wehmut. Beim Refrain „griiiichischer Wein“ schien es, er verschlucke sein Instrument jeden Moment, und er benützte es darauf als Dirigentenstab. Das Volk sang in europhiler Verbundenheit mit, als ob es der deutschen Sprache mächtig wäre:
 
„Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde.
Komm schenk dir ein,
Und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran,
Dass ich immer träume von daheim, du musst verzeih’n.“
 
Solche Träume wollte und konnte ich mir ersparen. Neben dem griechischen gibt es in Haute-Savoie schliesslich auch den savoyardischen Wein. Berge und Gletscher (das nahe Eismeer) ersetzen die griechischen, grünen Hügel und das Meer.
 
Was will man mehr?
 
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